Ekel & Ekelmanagement in der Pflege
Ekelerregende Situationen gehören zum Pflegealltag. Man muss sich mit dem Ekelhaften befassen. Ein Fliehen oder Ausweichen ist oft nicht möglich.
Ekelsituationen gehören zum Pflegealltag
Wann haben Sie als Pflegekraft das letzte Mal Ekel in einer Pflegesituation empfunden? Wie gehen Sie mit Ihren Ekelgefühlen um? Versuchen Sie den Ekel zu verdrängen? Ist Ihnen Ihr Ekelgefühl peinlich oder kennen Sie Wege und Strategien, gesund mit diesem Gefühl umzugehen? Eines ist auf jeden Fall klar, ekelerregende Situationen gehören zum Pflegealltag, wie die Altenpflegerin Anke Wrage treffend beschreibt: „Im Pflegealltag kann man als Altenpflegerin dem Ekelhaften nicht entrinnen, man wird mit ihm konfrontiert. Man muss sich mit dem Ekelhaften befassen, es ansehen, anfassen, riechen, hören, analysieren. Ein Fliehen oder Ausweichen ist in der Altenpflege sehr oft nicht möglich.“
Wie das Thema Sexualität in der Pflege sind jedoch auch Ekelgefühle bei Pflegekräften oft noch ein Tabu. Gerade deswegen möchten wir uns diesem Thema stellen, da Ekelgefühle auch heute noch zu oft „runtergewürgt“ oder scheinbar ignoriert werden. Dabei gibt es Strategien und Wege, um mit Ekel gut und gesund umzugehen.
„Bei Ekel handelt es sich um ein subjektives Gefühl, eine starke Abneigung in Verbindung mit Widerwillen gegenüber einer Person oder ihren Verhaltensweisen, aber auch gegenüber Ausscheidungen und anderen Gegenständen“, so Krankenschwester Jennifer Meilick im Fachmagazin Die Schwester Der Pfleger.
Pflegekräfte kommen berufsbedingt regelmäßig in Situationen, die Ekel erregen können. So gehört der Umgang mit großen Wunden, Dekubiti, Verstümmelungen, Inkontinenz oder künstlichen Körperausgängen schließlich zum Berufsalltag. In diesen Situationen nicht mit Ekel reagieren zu wollen, ist schlicht nicht möglich und auch nicht sinnvoll, meint Dr. Christine Pernlochner-Kügler: „Im Gegenteil: Die Ideale der Härte und der Ekellosigkeit führen auf Dauer zu Frustration, Krankheit, Aggression und Gewalt gegen die PatientInnen.“
Das belegen auch wissenschaftliche Studien. So zeigte eine Untersuchung der Universität Trier, dass der Versuch, Ekel zu verdrängen, zu Frustration führen kann, wodurch das Immunsystem geschwächt wird und sich das Risiko von Erkrankungen wie Herpes erhöht. Dr. Pernlochner-Kügler empfiehlt Pflegekräften daher, Gefühlen, die als negativ empfunden werden, gut und gesund zu begegnen. Schließlich haben Gefühle wie Ekel für den Menschen eine wichtige Schutzfunktion. „Ekel dient hauptsächlich als genetisch festgelegter Schutzmechanismus vor toxischen oder infektiösen Stoffen, die in verdorbener Nahrung oder auch in Exkrementen enthalten sein können“, erläutert Krankenschwester Meilick. Entsprechend lasse sich beispielsweise der Würgereflex bei Kontakt mit Erbrochenem auch gar nicht unterdrücken – bedingt kontrollieren lasse sich höchstens die Mimik und Gestik in solchen Ekelsituationen.
Ekelmanagement
Gesunder Umgang mit Ekel
Wie können Sie als Pflegekraft nun vermeiden, dass Ekel für Sie zur andauernden Belastung wird? Wie können Sie eigenen Ekelgefühlen möglichst gut und gesund begegnen? Entsprechende Strategie- und Maßnahmenempfehlungen werden in der Pflege unter dem Begriff Ekelmanagement zusammengefasst. Wir stellen Ihnen wichtige Empfehlungen vor.
Wissenschaftliche Studien in der Pflege zeigen, dass gegenüber Substanzen wie Stuhl oder Urin ein gewisser Gewöhnungsgrad eintreten kann. Vollständig abschalten lassen sich die Ekelgefühle aber nicht, weshalb Pflegekräfte vermeiden sollten, solche Substanzen mit bloßer Hand anzufassen, indem sie sich vor Ekel erregenden Substanzen wirkungsvoll schützen. Das geht allerdings nur, wenn man als Pflegekraft die eigenen Ekelgefühle auch zulässt. „Verleugne ich diese Gefühle, kann ich mich nicht mit ihnen auseinandersetzen und mir auch nicht überlegen, wie ich in den konkreten Situationen am besten damit umgehen kann“, erläutert Dr. Pernlochner-Kügler. Lässt eine Pflegekraft hingegen diese Gefühle zu, kann sie herausfinden, was für sie besonders belastend war und wie die Situation in Zukunft besser bewältigt werden kann. Jennifer Meilick bezeichnet dies als „Selbsterkenntnis“. „Diese Selbsterkenntnis stellt eine stabile Basis für den Patientenkontakt dar – denn wenn man ehrlich mit seinen Gefühlen umgeht, gelingt es, den Patienten in dieser Situation nicht zu verletzen oder, schlimmer noch, zu demütigen“, so die Krankenschwester.
Strategien für den Umgang mit dem eigenen Ekel
Die Wissenschaftlerin Dr. Pernlochner-Kügler hat sich intensiv mit dem Thema Ekel in der Pflege auseinandergesetzt und empfiehlt Pflegekräften vier Strategien für den guten und gesunden Umgang mit Ekel, die wir Ihnen kurz vorstellen möchten:
Durch gute Pflegeplanung und gute Pflege lassen sich ekelerregende Situationen vermeiden oder zumindest reduzieren, was das Wohl von Pflegekräften und Patienten gleichermaßen fördert. Als Beispiel nennt die Autorin folgende Situation: „Jeder durch gute Pflege vermiedene oder möglichst klein gehaltene Dekubitus ist nicht nur gut für den Patienten, sondern bedeutet auch weniger Aufwand und weniger Ekel für die Pflegenden.“
Sie empfiehlt Pflegekräften zudem, auf die Schamgefühle der Patienten einzugehen, da damit zumeist auch auf Seiten der Pflegekraft das Ekelgefühl reduziert wird. „Wenn ich zum Beispiel bei Ganzkörperwaschungen darauf achte, dass der Patient nicht nackt daliegt, sondern nur jener Teil entblößt ist, der gerade gewaschen wird, respektiere ich nicht nur das Schamgefühl des Patienten. Der Anblick ist auch für mich angenehmer, weil der Ausschnitt des nackten Körpers angenehmer anzusehen ist, als ein ganzer nackter Patientenkörper.“
Wie Sie aus eigener Erfahrung wissen, können ekelerregende Situationen in der Pflege nie vollständig vermieden werden. Daher empfiehlt Dr. Pernlochner-Kügler einen größtmöglichen Schutz im Umgang mit Ekelerregendem. Ein fast banal klingendes Beispiel: „Handschuhe und überhaupt Schutzkleidung schützen nicht nur vor Infektion, sie schützen auch vor Ekelgefühlen bzw. sie reduzieren Ekelgefühle.“
Ekelgefühle lassen sich durch einen Perspektivwechsel abwehren, indem Sie sich in einer ekelerregenden Situation nicht auf das Ekelerregende, sondern beispielsweise auf eine Pflegetechnik konzentrieren oder indem Sie versuchen, sich in die Situation des Patienten hineinzuversetzen. So tritt das Ekelerregende in den Hintergrund. Allerdings ist es auch hier nach Ansicht von Dr. Pernlochner-Kügler wichtig, sich selbst die Ekelgefühle zuzugestehen und die Abwehrtechnik bewusst anzuwenden. Nur so lasse sich die belastende Situation erleichtern.
Als Pflegekraft sollten Sie sich nach einer Tätigkeit, die bei Ihnen Ekel erregt hat, eine Auszeit, also eine Zeit zur Erholung, nehmen. Ist dies für Sie möglich, empfiehlt Ihnen Dr. Pernlochner-Kügler, an die frische Luft zu gehen oder etwas Entspannendes zu konsumieren. Sollten Sie als Pflegekraft keine Zeit für eine Pause haben, sollten sie zumindest eine gewisse Zeit auf einer patientenfreie oder -ferne Tätigkeit ausweichen.
Krankenschwester Jennifer Meilick setzt darüber hinaus für ein wirkungsvolles Ekelmanagement auf Teamarbeit. „Ein gutes Team sollte sich dadurch auszeichnen, dass man seine Empfindungen äußern kann, ohne dafür ausgelacht oder ausgegrenzt zu werden.“ Durch Austausch und Diskussion erhalte man als Pflegekraft Sicherheit, dass man mit den eigenen Ekelgefühlen nicht allein ist, sondern Kollegen ähnlich empfinden. Ekel wird zu einem normalen Reaktionsmuster, mit dem man umgehen müsse. „Außerdem bietet sich in der Teambesprechung immer auch die Möglichkeit, gemeinsam Lösungsstrategien oder Verbesserungsvorschläge zu erarbeiten.“
Neben den kollegialen Aspekten der Ekelbewältigung empfiehlt Jennifer Meilick gezielte Maßnahmen, um den Umgang mit Ekel zu erleichtern. Helfen könnten schon ganz simple Methoden wie der Einsatz von Duftaromen oder Reinigungssubstanzen, um unangenehme Gerüche zu bekämpfen. Hilfreich sei zudem eine reinigende Dusche, so dem Pflegepersonal eine Dusche bereitsteht.
Ganz wichtig ist für sie das Heranführen von Pflegeschülern an die Thematik. Hier sind Praxisanleiter und Lehrer gefordert. „Auszubildende bekommen oft das Gefühl vermittelt, fehl am Platze zu sein oder sich nicht den richtigen Beruf ausgesucht zu haben, wenn sie sich ihren Ekel anmerken lassen oder ihn gar ansprechen. Schüler müssen daher besonders auf „schwierige“ Situationen oder Patienten vorbereitet werden – zum Beispiel indem man ihnen erläutert, was sie sehen oder riechen werden, bevor es zum Patientenkontakt kommt.“ Auf diesem Wege werde Schülern die Chance geboten, sich auf eine schwierige Situation vorzubereiten. Nach dem Patientenkontakt sei zudem eine Reflexion des Erlebten wichtig.
Fazit
Ekelgefühle gehören zum Pflegealltag dazu. Für Sie als Pflegekraft bedeutet das, eine individuelle Lösung zu finden, wie Sie gesund und gut mit ekelerregenden Situationen umgehen können. Wir haben in diesem Beitrag verschiedene Maßnahmen und Strategien vorgestellt. Wichtigste und vielleicht schwierigste Voraussetzung ist, dass Sie Ekelgefühle bei sich auch zulassen und nicht abblocken. Je mehr Sie und Ihre Kollegen sich mit diesem Thema auseinandersetzen, umso eher gelingt es Ihnen, gut mit Ekelgefühlen umzugehen und Ekel auch im Umgang mit den Patienten zu enttabuisieren.
Hiltrud Krey: Ekel ist okay, Ein Lern- und Lehrbuch zum Umgang mit Emotionen in Pflegeausbildung und Pflegealltag, Hannover 2003
Anke Wrage: Ekel – Ein Tabuthema und seine Auswirkungen auf die Pflegebeziehungen, Hamburg 2005
Dr. Christine Pernlochner-Kügler: Ekel in der Pflege, Über den gesunden Umgang mit ungesunden Substanzen und einem negativen Gefühl, Vortrag auf der Messe integra
Jennifer Meilick: Mit Ekel professionell umgehen, in Die Schwester Der Pfleger, 51. Jahrg. 11/12, S. 1104-1106